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Tolino Shine - der neue E-Reader-Konkurrent im Test

E-Reader sind noch eine relativ junge Art von mobilen Geräten. Während die Bekanntheit der digitalen Bücher inzwischen recht groß ist, birgt die Akzeptanz noch große Potentiale für bestehende und neue Geräte. Mit dem Tolino Shine ist nun ein neuer E-Reader auf dem Markt, der wohl besonders mit dem erfolgreichen Amazon Kindle konkurrieren soll. Bereits Tolinos Slogan “Der E-Reader der großen deutschen Buchhändler und der Telekom“ lässt sich als auch übersetzen als: Der E-Reader von den führenden Branchengrößen – außer Amazon.

Tolino Shine Front

Das Datenblatt des Tolino Shine ist durchaus konkurrenzfähig. Ein 6 Zoll eInk Pearl Display mit Hintergrundbeleuchtung sorgt für hohe Kontraste und ermöglicht das Lesen im Dunkeln. Der Touchscreen steht für eine zeitgemäße Ausstattung ebenso wie die Telekom Cloud, um die eigenen Bücher und Dokumente stets in Griffweite zu wissen. Revolutionär präsentiert sich der Tolino aber eher weniger. Wie überzeugend sich der Tolino E-Reader in der Praxis erweist, untersuchen wir auf den folgenden Seiten.

An dieser Stelle bedanken wir uns bei der Verlagsgruppe Weltbild für die Kooperation.

Der Tolino Shine ist sehr einfach designt und lenkt somit nicht vom eigentlichen Buch ab. Auf der Front sitzt zentral der 6 Zoll eInk Touchscreen. Der umgebende Rahmen ist breit genug, um sicher gehalten werden zu können. Am oberen Rand befindet sich ein kleines, diskretes Tolino-Logo. Unter dem Bildschirm fällt der Rahmen deutlich dicker aus und beherbergt die einzige im Betrieb notwendige mechanische Taste. Diese besitzt allerdings einen recht eigenartigen Druckpunkt. Sie federt schon bei geringem Druck etwas, während das vollständige Eindrücken einen ungewöhnlich starken Druck erfordert.

An der Kopfseite finden wir zwei weitere Tasten, die ihrerseits ein Eigenleben führen. Der Power-Knopf muss nach rechts geschoben werden, während sowohl die Griffigkeit als auch ein mechanisches Feedback fehlt. Wirklich fest sitzt diese nicht in der Schiene und klappert etwas. Bei dem Beleuchtungs-Schalter handelt es sich abermals um eine andere Tasten-Art. Diese wird in das Gehäuse gedrückt, dabei muss wie beim Power-Knopf ein federnder Widerstand überwunden werden. Besonders weil sich die Taste nur sehr gering eindrücken lässt, fehlt hier ebenfalls ein mechanisches Feedback. Drei Tasten, drei verschiedene Mechaniken, drei verschiedene Druckpunkte und keine davon kann überzeugen. Das ist wohl dem Pionier-Charakter der Tolino-Familie geschuldet, dennoch ärgerlich.

Die Rückseite des Shine ist ebenfalls sehr unspektakulär. Dort finden wir ein größeres Tolino-Logo und eine Klappe an der Unterseite, hinter der sich USB-Anschluss und MicroSD-Karten-Slot verbergen. Dessen Öffnungs-Mechanismus kann auch nicht überzeugen und hat mehr den Charakter eines Abreißens oder Aufbrechens. Immerhin schließt die Klappe zuverlässig.

Das Gehäuse besteht aus griffigem Kunststoff. Zusammen mit den abgerundeten Kanten sorgt das für eine angenehme Lage in der Hand. Besonders wertig wirkt der Kunststoff allerdings nicht. Die bronzene Farbe ähnelt den früheren Amazon Kindle Modellen. Beim Klopfen und Drücken auf das Gehäuse ergibt sich ein etwas hohler Eindruck. Dafür ist der Tolino mit 183 Gramm schön leicht. Wirklich robust erscheint das Gehäuse nicht, dennoch solide genug für den Alltag. Vor allem der etwas breitere untere Rand ist für das lange Lesen recht angenehm.

Der Tolino Shine besitzt ein 6 Zoll großes eInk Pearl-Display mit einer Auflösung von 1024 x 758 Pixel. Das entspricht dem aktuellen Standard. Die eInk-Displays stellen dabei die Daseinsberechtigung von eBook Readern gegenüber gewöhnlichen Tablets dar. Statt der normalen Pixelstruktur von LCD-Displays bestehen eInk-Displays aus Mikrokapseln, die je nach Spannung die Farbe ändern können. Derzeit sind das 16 Graustufen. Dadurch entsteht ein Bild, welches gedruckten Buchseiten sehr nahe kommt und sowohl unbeleuchtet als auch bei direkter Sonnenlichteinstrahlung gut lesbar ist. Ein weiterer Vorteil ist die Sparsamkeit dieser Bildschirmtechnik, denn ein Bild kann ohne anliegende Spannung gehalten werden. Stromverbrauch wird nur von der zugrundeliegenden Hardware und von Bildwechseln hervorgerufen.

Soviel zur Theorie, denn der Tolino Shine macht in der Praxis ebenso eine gute Figur. Nur im direkten Vergleich erkennt man doch ein paar Vorteile der erfahreneren Konkurrenz. Das Schriftbild ist sehr angenehm und einer gedruckten Seite zum Verwechseln ähnlich. Schriftart und –größe lassen sich den eigenen Vorlieben anpassen, die Lesbarkeit bleibt dabei stets sehr gut.

Nahaufnahme des Displays:

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Schwächen offenbart der Shine beim Seitenwechsel und dem damit verbundenen sogenannten Ghosting. Der Seitenwechsel ist nicht besonders schnell, aber noch nicht störend langsam. Nerviger sind da manche sporadische Ladepausen. Warum dem Tolino beim Blättern normaler Buchseiten scheinbar ab und zu die Puste ausgeht und ein „bitte warten“ Pop-Up den Lesefluss unterbricht, ist völlig unverständlich. Wie bei der eInk-Technologie üblich, führt der Shine nicht bei jedem Blättern einen kompletten Seiten-Refresh durch, um Strom zu sparen. Dadurch können Schatten vorheriger Zeilen oder Bilder zurückbleiben, das sogenannte Ghosting. Leider tritt dieses unter eInk-Displays normale Problem beim Tolino Shine übermäßig stark auf. Besonders bei eingeschalteter Beleuchtung werden immer wieder Reste der vorherigen Seite deutlich sichtbar. Leider lässt sich die Refresh-Rate auch nicht manuell einstellen, um das Ghosting etwas einzudämmen.

Ghosting im grauen Bereich:

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Die Hintergrundbeleuchtung kann ebenfalls nicht ganz überzeugen. Tagsüber ist diese dem Kontrast und der Lesbarkeit zuträglich. Doch wenn es dunkler wird, offenbart der Tolino Shine hier Schwächen. Dann werden die unregelmäßige Beleuchtung und einige Lichthöfe sichtbar. Außerdem blitzt unter den Rändern die Lichtquelle hervor. Das bewegt sich zwar alles in einem erträglichen Ausmaß, ist aber nicht wirklich schön. Ohnehin ist das Lesen ohne Beleuchtung nach wie vor am angenehmsten für die Augen.

Das Grundgerüst der Tolino-Firmware basiert auf Android 2.3.4, auch wenn die Oberfläche nichts mehr mit den gängigen Smartphone- und Tablet-Versionen gemein hat. Die Tolino Software birgt keine besonderen Überraschungen. Auf dem Startbildschirm finden wir unsere zuletzt gelesenen Bücher vor. Darunter werden stets die aktuellen Empfehlungen des Buchhändlers eingeblendet, in unserem Fall Weltbild

Zum Lesen ist der Touchscreen in drei Spalten geteilt. Die rechte und linke Seite dienen dem Umblättern. Über die Mitte öffnet sich das Menü. Hier kann über einen Scroll-Balken zu einer gewünschten Seite gesprungen werden. Außerdem lassen sich Helligkeit und Schriftgröße einstellen, sowie Lesezeichen aufrufen und Wörter in der Seite suchen. Der Button, um ein Lesezeichen zu setzen, wird stets im normalen Lesemodus eingeblendet. Natürlich merkt sich der Shine auch automatisch die letzte Lese-Position in einem Buch. Zwei weitere Buttons öffnen das Inhaltsverzeichnis und lassen den Leser das aktuelle Buch über Facebook empfehlen. Zum Startbildschirm gelangt man stets über den mechanischen Knopf unter dem Bildschirm. Einen Softbutton auf dem Touchscreen hätten wir hier als praktischer empfunden. Die Seitenzahl der eBooks entspricht den gedruckten Exemplaren. So bleibt man je nach Schriftgröße mehrere Seiten lang de facto auf derselben Seitenzahl.

Die Einstellungen des Tolino Shine sind sehr minimalistisch gehalten. Spannender als die beschränkten Optionen sind in diesem Menü die Telekom Cloud und der Web Browser. Bis zu 25 GB Speicherplatz stehen jedem Tolino Account in der Telekom Cloud für seine Bücher und eigenen Dokumente zur Verfügung. Das Hoch- und Herunterladen erfolgt direkt über den Tolino Shine. Unterwegs kann man kostenlos über Telekom HotSpots auf die Cloud zugreifen. Die Cloud lässt sich auf maximal fünf Geräten parallel nutzen. Sehr positiv fällt dabei der starke WLAN Empfang des Tolino auf. Der Web Browser arbeitet sehr langsam, stellt Webseiten aber zuverlässig dar. Durch die lange Reaktionszeit und das naturgemäß schwierige Scroll-Verhalten eines eInk-Displays dürfte der Browser nur zu Recherche-Zwecken taugen.

Der Tolino Shine unterstützt das offene ePUB Format, mit und ohne Adobe DRM Mechanismus. Somit ist man nicht zwingend auf den Weltbild Shop angewiesen. Die Kompatibilität zu anderen Shops und E-Readern ist damit gewährleistet – ausgenommen dem in sich geschlossenen Amazon Universum. Neben den eBooks lassen sich auch PDF- und TXT-Dateien öffnen, mehr Formate unterstützt der E-Reader nicht. Im Tolino Shine sind 2 GB Speicherplatz für eine große Menge an Büchern verfügbar. Wem das noch nicht reicht, kann den Speicher mit einer Micro-SD-Karte erweitern.

Somit findet man wohl alle essenziellen Bestandteile eines E-Readers im Tolino Shine wieder, ein paar nützliche Zusatzfunktionen fehlen allerdings. So lassen sich keine Bücher-Sammlungen verwalten. Ebenfalls fehlt die praktische Integration von Wörterbüchern. Eigentlich ist es schade, dass auf Hintergrundbilder im Standby-Modus verzichtet wurde. Das gewählte „Pssst… tolino schläft“ Motiv kann aber auch einen Schmunzeln entlocken.

Der Tolino wird zwar gemeinsam von den „großen deutschen Buchhändler[n]“ verkauft, je nachdem wo man letztendlich zuschlägt, ist der E-Reader aber auf den jeweiligen Shop gebrandet. Der in unserem Fall verknüpfte Weltbild-Shop bietet alles, was nötig ist. Bestseller, Neuheiten oder nach Kategorie sortierte Bücher lassen sich schnell und einfach finden. Die Bezahlmöglichkeiten sollten jeden Kunden zufrieden stellen. Per Kreditkarte, Rechnung, Bankeinzug oder PayPal lassen sich die eBooks erwerben. Des Weiteren gibt es stets ein paar rabattierte Bücher finden. Bücher aus anderen Quellen, sofern diese im ePUB-Format vorliegen, lassen sich komplikationslos über die USB-Verbindung auf den Tolino ziehen.

Die kurze Testzeit lässt bei den extremen Akkulaufzeiten von E-Readern keinen zuverlässigen Rückschluss auf die Energieeffizienz zu. Allem Anschein nach birgt der Tolino Shine aber auch hier keine unangenehmen Überraschungen. Selbst Leseratten werden mit der Ausdauer des Tolino Shine glücklich. Wie bei anderen E-Readern hat die Beleuchtung dabei einen gewissen Einfluss auf die Laufzeit. Die Herstellerangabe beläuft sich auf 7 Wochen Laufzeit, was je nach Nutzung ein erreichbarer Wert ist.

Der Tolino Shine ist ein solider E-Reader, der alle wichtigen Funktionen beherrscht. Allerdings merkt man ihm an mehreren Punkten an, dass er die erste Generation von Tolino-Geräten darstellt. Der Bildschirm ist in jeder Lage gut lesbar und das Gerät dabei angenehm zu halten. Das starke Ghosting und die fehlenden Wörterbücher stören den Leser nicht zwingend, bedeuten für den Tolino allerdings die Niederlage gegenüber der Konkurrenz.

Tolino Shine Browser

Neulinge in der E-Reader-Generation können mit dem Shine trotzdem glücklich werden. Der beschränkte Funktionsumfang kommt dabei einer recht intuitiven Bedienung zu Gute. Besonders der niedrige Preis von 99,- Euro, die Telekom Cloud und die ePUB-Unterstützung machen den Tolino Shine attraktiv. Wer auf ein aktuelleres Gerät umsteigen oder mit einem High-End Gerät in die digitale Bücherwelt einsteigen möchte, wird aber wohl etwas enttäuscht. Der Tolino Shine ist definitiv auf ein gutes Preis-/ Leistungsverhältnis ausgerichtet, worin er auch überzeugen kann. Power-User sollten sich eher bei der Konkurrenz bedienen.


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